| Die Gorillafamilie "Rugendo" - eine persönliche Geschichte ohne "Happy End" |
Die Gorillafamilie "Rugendo"
Eine persönliche Geschichte ohne "Happy End"
Wir fühlen uns zu Hause. Der Puls ist noch auf 180, aber neben uns kaut genüsslich das Gorillakind Niaribi an einem Stück jungen Bambus. Es wirkt unheimlich beruhigend und schon wenige Augenblicke später sind alle Strapazen, die wir auf uns genommen haben, um die Goprillas zu suchen, vergessen. Niaribi hat sichtlich Mühe. Am liebsten würde ich dem Kleinen dabei helfen, seine Leibspeise in den Mund zu verfrachten, doch ich weiß, es ist besser ein wenig Abstand zu halten. Wir sind zwar kerngesund, aber noch immer ist nicht hundertprozentig geklärt, ob sich nicht doch Krankheitskeim vom Mensch auf die Gorillas übertragen könnten. Nur kennen uns die Gorillas mittlerweile so gut, dass sie es sind, die sich nicht an die Regeln halten. Werden die kleinen Gorillas zu aufdringlich, reißen wir ein Stück Pflanze aus und machen so, als würden wir ihnen auf die Hände schlagen wollen. Das finden die kleinen Waldmenschen nicht so toll und halten sich lieber zurück. Der Silberrücken Sekwekwe hat uns einfach den Rücken zugekehrt. Das ist der größte Vertrauensbeweis. Er kennt uns zu gut, und das nach fast einem Jahr! Verlegen räuspern wir uns, um unsere Freude in "Gorillasprache" auszudrücken. Sanfte Augen schauen uns an: "Schön, dass ihr wieder da seid." Da ist der vertraute Geruch der Gorillas, diese unbeschreibliche Nähe und diese Menschlichkeit, die uns stets an unsere Wurzeln erinnert. Man müsste einen friedlich vor sich hin essenden Gorilla zum Friedenssymbol auf dieser Welt erheben.
Die Rugendo hat eine sehr bewegte Geschichte. Der Stammvater der Familie -der Silberrücken Rugendo- wurde bereits im Jahre 1986 habituiert, sprich er wurde ganz allmählich daran gewöhnt, dass Menschen auch friedlich und ungefährlich sein können. All zu oft haben die Gorillas Menschen als Wilderer fürchten gelernt. Dementsprechend war die Habituierung ein Geduldsspiel. Dennoch - es gelang und Rugendo wurde ein Sinnbild für eine hoffnungsfrohe Zukunft für die Berggorillas und die Menschen um den Virunga-Nationalpark. Die Idylle wurde erst 1994 getrübt, als im Nachbarland Ruanda der Genozid tobte und schätzungsweise rund 1 Mill. Angehörige des Stamms der Tutzi getötet wurden. Tausende Flüchtlinge strömten teilweise durch den Nationalpark in die Demokratische Republik Kongo. Kaum war der Spuk in Ruanda vorbei, begann es im Kongo zu brodeln. Ein zermürbender Bürgerkrieg begann und für die Gorillas brachen schwere Zeiten an. Hauptproblem war, dass in Ruanda viel zu schnell entwicklungspolitischer Alltag einzog, anstatt den Genozid gründlich juristisch aufzuarbeiten und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Lieber hat man genau diese in hunderttausendfacher Menge in den Kongo entsorgt. Besonders geeignet war das Gebiet im Virunga-Nationalpark, weil der Wald dort sehr abgeschieden und dicht ist und zudem direkt an der Grenze zu Ruanda liegt. So können die Rebellen ohne Probleme auch von der Ruandischen Seite versorgt werden. Während in Ruanda der Gorillatourismus boomte wurden auf der kongolesischen Seite Gorillas immer wieder Opfer von Wilderern, die die Tiere aßen oder versuchten zu vermarkten, und Bauern, die in Konkurrenz zu den Waldmenschen lebten. Der Silberrücken Rugendo allerdings war besonders schlau und konnte seine Familie vor drohendem Ungemach stets schützen. Vorteilhaft war, dass der Silberrücken die Angewohnheit hatte große Wanderungen zurückzulegen und nicht wie üblich kleine Streifgebiet von vier bis acht Quadratkilometer zu besetzen. Nicht umsonst heisst Rugendo "die Reisenden". Die Wildhüter glauben sogar, dass die Rugendo-Gorillas die direkten Nachfahren der Affengruppe sind, die 1902 als "erste" Berggorillas am Vulkan "Sabinjo" entdeckt wurden -also gut 25 km Luftlinie von dem Ort entfernt, an dem wir im Jahre 2006 mit den Gorillas lebten. Am 15. Juli 2001 endete das Glück des Rugendo. Er geriet zwischen die Fronten der kongolesischen Armee und der Rebellen und wurde erschossen. Sein Sohn Humba hatte sich bereits zuvor als Silberrücken mit einer eigenen Familie selbstständig gemacht. Doch Glück im Unglück - ein weiterer Sohn nämlich Sekwekwe hatte auch das Zeug zu einem guten Familienvater. Er übernahm die Familie, und das mit ziemlich guten Erfolg. Nur eine Angewohnheit der Rugendo-Gorillas brachte schließlich im Januar 2003 Unglück. Immer wieder verließen die Gorillas für kurze Zeit den Wald, um ein wenig Mais zu naschen. Einmal setzten sich die Bauern allerdings zur Wehr. Sie lauerten den Gorillas auf und trieben sie zahlenmäßig überlegen in den Wald zurück. Der kleine Bahati allerdings war zu sehr mit einigen Maiskolben beschäftigt. Er verkannte die Lage und war in der Falle. Zunächst wurde er mit Steinen beworfen und letztlich mit einer Lanze getötet. Die Rugendo-Familie hat auch diesen Schicksalsschlag weggesteckt, zumal sich in der Folge das Verhältnis der Bauern um den Nationalpark zu den Gorillas enorm verbesserte. Mit Hilfe der Wildhüter wurden hell klingende Glöckchen angeschafft. Sobald sich ein Gorilla, der Rugendo-Familie auf ein Feld am Waldrand wagte, wurden die Glocken geläutet. Gestört durch den zumindest für Gorillas nervenden Krach, rannten die dann schnell in den schützenden Wald zurück. Im Jahre 2006 verschlechterte sich die Lage im Kongo zusehends. Es gab einige Zeichen dafür, dass nach der Wahl, die schließlich im November mit einer Stichwahl zwischen Mbemba und Kabila endetet, die Situation eskaliert. Wir selbst verspürten abgesehen von dem grauenhaften Kriegszustand eine zunehmende Spannung. Die Wildhüter hingegen waren kriegsmüde. Nach der Wahl des neuen und alten Präsidenten Kabila sollte alles besser werden. Bereits im November kamen vermehrt Touristen von Uganda über die Grenze. Nach einigen verheerenden Überfällen wurde dieses Projekt schnell eingestellt. Dennoch wurden die Rebellen im Wald zunehmend nervös. Touristen und Aufmerksamkeit für die Gorillas konnte ihnen nicht gefallen. Das Schicksal nahm seinen Lauf. Im Januar wurden mindestens 2 Silberrücken getötet. Am 8. Juni beendeten die Rebellen das Leben der Gorilladame Rubiga, die ein kleines Baby hatte und in der Kabirizi-Familie lebte. Dann der 22. Juli. Gegen 19.30 Uhr hört unser Rangerfreund Innocent Schüsse. Irgendetwas ist nicht in Ordnung. Da es stockfinster ist und es heftig regnet, ziehen die Wildhüter am nächsten Tag los, um nach dem Rechten zu sehen. Es dauert nicht lange, da offenbart sich ihnen die ganze Katastrophe. Sie finden das vermutliche Ende der Familie Rugendo: Zunächst entdecken sie die Gorillafrau Safari. Von ihrem Baby Ndeze fehlt jede Spur. Stattdessen stoßen sie kurz darauf auf die Gorillafrau Neza und die hochschwangere Mburanumque. Beide sind ebenso tot. Mburanumque wurde sogar teilweise angezündet. Noch immer besteht Hoffnung, dass wenigstens der Silberrücken überlebt hat. Doch auch diese Hoffnung zerfällt in Leere. Sekwekwe liegt nicht all zu weit entfernt von den anderen Opfern im Wald. Er hat die Faust auf der Brust. Bestimmt hat er versucht seine Familie zu beschützen, hat die feigen Mörder verfolgt, drohend auf seine Brust geschlagen. Doch dem Kugelhagel automatischer Waffen konnte er nichts entgegensetzen. Vier Tage später finden die Wildhüter den vollkommen traumatisierten Rest der Gorillafamilie im Wald. Zwei weitere Gorillas fehlen jedoch. Und so niederschmetternd das Ereignis auch ist, gibt es einen kleinen Silberstreif. Das Gorillakind Bavukahe hat in höchster Not sein kleines Schwesterchen gerettet. Voller Angst hält er das rund 4 Monate alte Baby in seinen Armen. Es bedarf alle denkbaren Zuneigungsbekundungen der Wildhüter, dem Kleinen sein Geschwisterchen abzunehmen. Es ist vollkommen dehydriert, aber wenigstens am Leben. Für die Familie besteht zunächst die Hoffnung, dass die einigermaßen erfahrene Gorillafrau Macibiri die Gorillas für eine Zeitlang führt. Vielleicht finden sie Anschluss an eine andere Familie oder treffen auf einen Silberrücken, der eine Familie gründen will. Am 16. August folgt der nächste Schock. Die sterblichen Überreste der Gorillafrau Macibiri werden gefunden. Ihr Baby Ntaribi (geb. am 16. Januar 2006) bleibt verschollen. Es ist bald sicher, dass es auch tot ist, denn ein Gorillababy kann kaum mehr als einige Tage allein überleben. Für uns ist das Ganze ein schrecklicher Schicksalsschlag. Irgendwie fühlen wir uns ja als Teil der Rugendo-Familie. Wir haben mit den Gorillas eine bezaubernde Zeit verbracht, haben ihr Leben und ihre Lebensfreude in unserem Film Gorillafieber verewigt und es ist schwer zu akzeptieren, dass nun viele der Aufnahmen unwiederbringlich traurige Geschichte sind.
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| Gorilladame Safari, getötet am 22.07.2007 |
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| Silberrücken Sekwekwe, getötet am 22.07.2007 |
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